Fachkräfte für Hamburg
Luftfahrt

Premium AEROTEC: Die Zukunft der Luftfahrt liegt im 3D-Druck

Dr. Thomas Ehm, Chef der Airbus-Tochter im Interview mit den Hamburg News über 3D-Druck, neue Projekte und die Digitalisierungsstrategie des Zulieferers.

Die 3D-Druck-Technologie hat das Potenzial, ganze Branchen, und allen voran die Luftfahrtindustrie, zu revolutionieren. Daran glaubt auch Dr. Thomas Ehm, Vorsitzender der Geschäftsführung von Premium AEROTEC, Zulieferer von großen Strukturbauteilen für den zivilen und militärischen Flugzeugbau. "Unser klares Ziel ist es, in der additiven Fertigung und in der Anwendung von Verbundwerkstoffen führend zu sein", sagte Ehm anlässlich der Eröffnung des neuen Standorts in Hamburg-Finkenwerder im Juli dieses Jahres. Darüber und über weitere Ziele von Premium AEROTEC sprach Hamburg News mit dem Chef der 100-prozentigen Airbus-Tochter.

Hamburg News: Nach Schätzungen von Experten könnte das erste Verkehrsflugzeug bereits im Jahr 2025 quasi vollständig aus dem Drucker stammen - halten Sie das für realistisch?

Dr. Thomas Ehm: Nicht bis 2025, aber grundsätzlich halte ich das für eine realistische Vision. Und wir sind ganz vorn mit dabei, diese Vision umzusetzen. Es gibt bei der Entwicklung der 3D-Druck-Technologie zwar noch einiges zu tun, aber wir haben schon viel erreicht. Premium AEROTEC ist der weltweit erste Hersteller, der 3D-gedruckte Strukturbauteile für Airbus-Flugzeuge in Serie geliefert hat und für unsere 3D-gedruckten Titanhalter für die A350 XWB wurden wir mit dem Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt 2017 ausgezeichnet.

Hamburg News: Was sind denn die revolutionären Vorteile der 3D-Druck-Technologie?

Dr. Thomas Ehm: In der Luftfahrt zählt vor allem eines: Gewicht! Eine leichtere Struktur bedeutet Kostenvorteile, denn je leichter das Flugzeug ist, desto weniger Treibstoff benötigt es. Das spart Geld und reduziert Schadstoffemissionen. Jedes gesparte Kilo Gewicht, spart damit auch CO₂ - und der Umweltgedanke spielt in der Luftfahrtindustrie eine immer größere Rolle.

Hamburg News: Aber sind die gedruckten Komponenten auch stabil?

Dr. Thomas Ehm: Auf jeden Fall. Beim 3D-Druck wird pulverisiertes Rohmaterial von einem Laserstrahl geschmolzen und in hauchdünnen Schichten zu einem individuell designten Bauteil zusammengefügt. Wir lehnen uns hier stark an Vorbilder aus der Natur an, beispielsweise an Formen aus dem Knochenbau. Das ist überaus stabil, war aber bisher mit zerspanenden Verfahren schlichtweg nicht machbar. Dank der additiven Fertigung können wir in Serie, aber auch Einzelstücke drucken, je nach Bedarf und ohne gravierende Einbußen in der Wirtschaftlichkeit.

Hamburg News: Also ist der 3D-Druck auch ein kostengünstiges Herstellungsverfahren?

Dr. Thomas Ehm: Wir arbeiten gerade daran, die Kosteneffizienz zu steigern. Unser Ziel ist es, den Gesamtprozess des industriellen 3D-Drucks zu automatisieren und wir verfolgen dieses Ziel etwa mit dem Projekt "NextGenAM" für das wir Daimler und EOS, einen der weltweit führenden Technologieanbieter im industriellen 3D-Druck von Metallen und Kunststoffen, als Partner gewinnen konnten. Aktuell machen die Prozessschritte vor und nach dem eigentlichen Druckvorgang rund 70 Prozent der Herstellkosten aus - da besteht also noch ein erhebliches Potential, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

Hamburg News: Gibt es noch weitere Projekte, die sich mit innovativen Technologien beschäftigen?

Dr. Thomas Ehm: Wir haben vor zwei Jahren eine Digitalisierungsstrategie bei Premium AEROTEC gestartet. Mitarbeiter suchen und probieren neue Ideen aus und haben dazu drei Monate Zeit. Wenn der Ansatz dann nicht tragfähig erscheint, wird er nicht weiterverfolgt. Wenn er aber vielversprechend ist, wie beispielsweise im Fall der Cobots-Roboter, die mit dem Menschen zusammenarbeiten, erhält das Team weitere Unterstützung. Diese Strategie hat sich bewährt. Heute sind wir technologisch gut aufgestellt. Denn eins ist sicher: Die Digitalisierung wird kommen und mit ihr erhebliche disruptive Veränderungen.

Hamburg News: Wo sehen Sie diese disruptiven Veränderungen vor allem?

Dr. Thomas Ehm: Die Frage ist wohl eher: Wo nicht? Es beginnt im Design: Einmal konstruiert, kann das Ergebnis in der Fertigung standardisiert und automatisiert werden, der individuelle Prozess ist abgeschlossen und kann von Maschinen übernommen werden. Darum ist Design auch der entscheidende Aspekt in der Wertschöpfungskette im 3D-Druck. Ein anderes Beispiel ist der Bereich Wartung und Instandhaltung. Hier sind heute noch viele Mitarbeiter damit beschäftigt, regelmäßige Wartungsvorgänge durchzuführen und optische und haptische Prüfungen von Bauteilen aller Art vorzunehmen. In - naher - Zukunft wird das Künstliche Intelligenz viel besser können. Und noch ein Schritt weiter gedacht: Qualitätsprobleme werden gar nicht erst entstehen, weil KI die Ursache erkennt und eliminiert. Unser Ziel ist es, diese Entwicklung nicht einfach abzuwarten, sondern sie aktiv mitzugestalten.

Hamburg News: Für dieses Ziel brauchen Sie die berühmt-berüchtigten ´Klugen Köpfe`. Wie sind Sie da aufgestellt?

Dr. Thomas Ehm: Wir beschäftigen am Standort Hamburg - hier liegt der Schwerpunkt auf Entwicklung - aktuell gut 130 Mitarbeiter aus 20 Nationen mit ganz unterschiedlicher Expertise und erleben eine sehr befruchtende Zusammenarbeit. Bei der Entwicklung von Neuem sind Querdenker gefragt: Menschen, die unterschiedliche Denk- und Sichtweisen mitbringen, die aus unterschiedlichen Branchen und Disziplinen stammen und gemeinsam Projekte vorantreiben - bei uns, aber auch im nahegelegenen Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung, wo ein Teil unserer Mitarbeiter unkompliziert neue Ideen ausprobiert. Hamburg ist für uns ein wichtiger Standort. Mit den vielen wissenschaftlichen Instituten, innovativen Hochschulen sowie zahlreichen Partnern und Zulieferern aus der Luftfahrt, hat sich hier eine Art Silicon Valley des Nordens entwickelt. Das, und weil wir in der Nähe unseres Kunden Airbus sein wollten, hat uns nach Hamburg geführt.

Hamburg News: Aber werden Sie bleiben? Es gibt Gerüchte, Airbus wolle Premium AEROTEC verkaufen...

Dr. Thomas Ehm: Ein Verkauf war von Anfang an Teil der Strategie unserer Gründung. Premium AEROTEC wurde 2009 gegründet, weil Airbus sich mehr auf sein Kerngeschäft konzentrieren wollte. Inzwischen zählen wir zu den weltweit führenden Unternehmen in der Entwicklung und Herstellung von Strukturen und Fertigungssystemen für den zivilen und militärischen Flugzeugbau mit Fertigungsstätten in Augsburg, Bremen, Nordenham und Varel in Deutschland sowie im rumänischen Braşov. Wir sind wirtschaftlich und perspektivisch gesund aufgestellt und erzielen einen jährlichen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Damit sind wir natürlich attraktiv für potenzielle Käufer.

Eine Entscheidung über unsere Zukunft gibt es aktuell nicht. Und was den Standort Hamburg betrifft - hier haben wir in unser neues Entwicklungszentrum gerade erst rund eine Million Euro investiert und sehen uns damit auf einem guten Weg. Wir sind heute im metallischen 3D-Druck in der Luftfahrtindustrie führend und arbeiten konsequent daran, diese Technologie weiterzuentwickeln, um ihr Einsatzspektrum entscheidend zu erweitern. Auch und gerade in Hamburg.

Interview: Yvonne Scheller

www.hamburg-aviation.de
zurück

Dein Kontakt in die Luftfahrt-Branche

Mareile Bösecke
Hamburg Aviation
Wexstraße 7
20355 Hamburg
Tel: +49 (0)40 227019 - 474
Fax: +49 (0)40 227019 - -784